Offener Brief zum Pflichtfach Informatik an Thüringer Schulen

Offener Brief zum Pflichtfach Informatik an Thüringer Schulen

An das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport
Herrn Minister Helmut Holter
99107 Erfurt

(beschlossen vom Rat des Instituts für Informatik der Friedrich-Schiller-Universität Jena am 18. April 2018)

Die digitale Revolution hat längst begonnen. Sie führt bereits jetzt zu einer gravierenden Umgestaltung aller Lebensbereiche der Menschen. Das Tempo der Veränderungen wird zunehmen und betrifft jede und jeden. Das allgemeinbildende Schulwesen hat auf diese Situation mit dem Kurs Medienkunde und Wahlpflichtangeboten im Fach Informatik reagiert. Das ist jedoch bei weitem nicht ausreichend, denn künftig wird es nur noch wenige Berufe geben, bei denen man nicht zumindest Informatik-Grundkenntnisse benötigt. Darauf rechtzeitig zu reagieren, ist gerade für ein Land wie Thüringen mit seiner starken mittelständischen Struktur wichtig.
Wir fordern die Einführung eines Pflichtfachs Informatik an allen allgemeinbildenden Schulen Thüringens von der Klassenstufe 5 bis 10, das alle Mädchen und Jungen erreicht. Des Weiteren sollte Informatik auch in den Pflichtkanon der berufsbildenden Schulen aufgenommen werden. Informatik als Pflichtfach gibt es bereits in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. In der Medienkunde kann es vornehmlich um den Umgang mit Medien sowie um die Gefahren und Risiken von Computern in einer vernetzten Welt gehen. Das Pflichtfach Informatik sollte vor allem die aktive Gestaltung der digitalen Umwelt in den Mittelpunkt stellen. Die Chancen und Möglichkeiten sowohl für den Einzelnen als auch für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland sollten thematisiert werden. Ziel ist auch hier der mündige, aktive Bürger und sein sinnstiftender Umgang mit Informatiksystemen.
Jede Schülerin und jeder Schüler sollten informatisches Denken in Algorithmen und Strukturen in einer altersgerechten Form erlernen. Sie sollten befähigt werden, hinter die Kulissen von Computern und deren Vernetzung zu schauen. Entsprechende Kompetenzen sind dringend erforderlich, um eine zunehmend IT-gesteuerte Welt mit entwickeln zu können und nicht nur zu konsumieren.
Die Thüringer Stundentafeln bieten noch genügend Freiräume für die Integration von Informatik als Schulfach. Als Stundenpool könnte beispielsweise ein Teil der so genannten flexiblen Stunden genommen werden.
Schülerinnen und Schüler müssen stärker als bisher ermuntert werden, einen Ausbildungsberuf mit starkem Informatikbezug zu ergreifen, ein Informatikstudium aufzunehmen oder den Beruf einer Informatiklehrerin oder eines Informatiklehrers zu wählen.

Initiatoren

  • Martin Bücker - Direktor des Instituts für Informatik der FSU Jena
  • Jörg Wagner - Präsident der Hochschule Nordhausen
  • Michael Fothe - Abteilung Didaktik der Fakultät für Mathematik und Informatik der FSU Jena

Das Institut für Informatik der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU)  hat am 18. April 2018 einen offenen Brief zum Pflichtfach Informatik an Thüringer Schulen beschlossen. Gefordert wird darin, Informatik als Pflichtfach an weiterführenden Schulen in Thüringen von Klassenstufe 5 bis 10 einzuführen. Initiatoren waren Prof. Dr. Martin Bücker, der Direktor des Instituts für Informatik der FSU, Prof. Dr. Jörg Wagner, der Präsident der Hochschule Nordhausen und Prof. Dr. Michael Fothe von der Abteilung Didaktik der Fakultät für Mathematik und Informatik der FSU Jena.

Pressemeldung der FSU Jena vom 5.7.2018

Herzlicher Dank an Mitunterzeichner

Informatiker setzen sich für ein Pflichtfach Informatik ein

Unterzeichnet wurde der offene Brief im Mai/Juni 2018 von 176 Persönlichkeiten.

Unter den Unterzeichnern sind: Stefan Lobenstein, der Präsident der Handwerkskammer Erfurt, Dr. Michael Mertin, der Vorsitzende des Hochschulrates der Technischen Universität Ilmenau, Dr. Sven Günther, der Geschäftsführer der Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (STIFT), Wilfried Röpke, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Jena mbH, Holger Schilder, der Sprecher der Regionalgruppe Ostthüringen/Jena der Gesellschaft für Informatik (GI), Prof. Dr. Steffen Friedrich, Hochschullehrer i. R., tätig im Sprecherteam der GI-Fachgruppe "Informatische Bildung in Sachsen und Thüringen", Manuela Meyer, die 2. Vorstandsvorsitzende des "witelo" e. V. (Verein "wissenschaftlich-technische Lernorte in Jena") und Claudia Martins  von der Landeselternvertretung der Thüringer Gemeinschaftsschulen (TGS).

Außerdem unterzeichneten den offenen Brief Professorinnen und Professoren sowie wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Thüringer Hochschulen, u. a. aus der Informatik, der Prozessortechnik, dem Bauingenieurwesen, der Mathematik, BWL, Sozialpsychiatrie, Kraft- und Arbeitsmaschinen sowie der Sozialpädiatrie. Unterstützt wird das Anliegen ebenfalls von Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern und Mitarbeitern von IT-Firmen und Firmen anderer Branchen, von Informatiklehrerinnen und Informatiklehrern an Thüringer Schulen sowie von Persönlichkeiten, die sich in der Begabtenförderung für Informatik engagieren.

Die Initiatoren des offenen Briefes bedanken sich herzlich bei allen Unterzeichnern!

Dem Thüringer Bildungsminister Helmut  Holter ist der offene Brief unter Verweis auf die Unterzeichner zugegangen.

Die Initiatoren hoffen, dass sich etwas bewegt und sie sind gern zum Gespräch bereit (u. a. zur Frage, wie Informatiklehrer- und lehrerinnen zu gewinnen sind).

Quelle: https://www4.uni-jena.de/Mitteilungen/PM180705_Offener+Brief+.html